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Diözesane Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen im caritativen Bereich der Diözese Rottenburg-Stuttgart (DiAG-MAV)
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(Geschichte, die das Leben schrieb: In Trier belauscht) Chef verdient
prächtig,
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Trierischer Volksfreund
Zu den Ereignissen bis zum 25.08.1999
Samstag, 04. September 1999
Kollaps stand direkt bevor - Politik schaltet sich Diskussion ein - Mitarbeitervertretung in ctt-Klinik abgesetzt
Von unserem Redakteur
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
TRIER. Auch die Landespolitik befasst sich inzwischen zunehmend mit der Doerfert-Affäre in Trier.
Die Absicht des Bistums Trier, der Caritas-Trägergesellschaft Trier (ctt) notfalls mit einem zweistelligen Millionenbetrag aus der Kirchensteuer aus der finanziellen Klemme zu helfen, beflügelt nach Ansicht des Landesvorstandssprechers der Grünen, Reiner Marz, die Kirchensteuerdiskussion.
Die Entscheidung sei im Interesse der Beschäftigten zwar nachvollziehbar. Völlig unverständlich sei aber, dass das Bistum nun so weit gehe, auch die Klinik Rose AG bei Bau des Kinos Cinemaxx zu unterstützen, in deren dubiosen Eigentumsverhältnissen wohl auch Doerfert mitrühre. Marz: »Der Bau eines Kinos aus Kirchensteuern ist absolut inakzeptabel,« Gleichzeitig schraube das Bistum die Finanzierung von Kindergärten und die Zuschüsse zur Ehe- und Familienberatung herunter.
Unterdessen hat der SPD-Rechtspolitiker Axel Redmer die Landesregierung gebeten, im Rechtsausschuss des Landtags über den Stand und die Ergebnisse der bisherigen Ermittlungen zu informieren.
Wie berichtet, stehen der ehemalige Chef der Klinik Rose und der ctt, Doerfert, sowie der Geschäftsführer der ctt-Tochter Ärztliche Abrechnung Trier unter dem Verdacht, Gelder veruntreut zu haben. Außerdem prüft die Klinik Rose den Kauf der Villa Hennekeuser. Das Unternehmen hatte unter Doerferts Führung das Gebäude des damaligen ctt-Vorsitzenden für einen Millionenbetrag gekauft, um dort angeblich eine medizinischen Einrichtung unterzubringen. Später wurde das Haus mit großem Verlust weiter veräußert.
Inzwischen liegt der Staatsanwaltschaft in Koblenz eine Strafanzeige der ctt gegen Doerfert wegen des Verdachts der Untreue vor, bestätigte der Leitende Oberstaatsanwalt Erich Jung.
Rose-Zukunft war nicht rosig
Dort seien allerdings keine konkreten Verdachtsmomente über die schon bekannten Vorwürfe hinaus enthalten. Vor allem, dass Doerfert der ctt rund 1,5 Millionen Mark aus Aktienverkäufe überwiesen hat, nährt beim Bistum den Verdacht, er habe sich mit einem Darlehen für private Spekulationsgeschäfte aus den Kassen der ctt bedient.
Noch immer können die Finanzexperten des Bistums die Größe des finanziellen Schadens durch das Agieren Doerferts nicht abschätzen. Vieles hängt offenbar davon ab, zu welchem Preis sich die Klinik Rose von dem Cinemaxx-Kino trennen kann und ob die zahlreichen Bürgschaften und Mietgarantien zum Tragen kommen werden. Klar ist allerdings inzwischen, dass die finanzielle Situation der Rose AG und der ctt auch ohne den Abgang Doerferts nicht rosig war. »Spätestens im November wäre das gesamte Firmengeflecht zusammengebrochen«, urteilt einer der Experten.
Währenddessen scheint es in den Kliniken der ctt drunter und drüber zu gehen. Weil die Mitarbeitervertretung in der Edith Stein Klinik in Bad Bergzabern sich für eine weitere Stundung der Urlaubsgelder ausgesprochen hat, wurde sie inzwischen abgesetzt und befindet sich nur noch kommissarisch im Amt.
Chef der dortigen Klinik war bislang Fritz Meyer. Der Manager wurde auf Drängen des neuen ctt-Vorsitzenden Hans Lambert von Bischof Spital zum neuen geschäftsführenden Vorstand der ctt ernannt.
Angesichts der Unruhe unter den Mitarbeitern hofft ÖTV-Sprecher Detlef Schieben, dass die ctt-Spitze bei ihrem Versprechen bleibe, die Gehaltskürzungen zurückzunehmen. Außerdem gehe die Gewerkschaft davon aus, dass Bischof Spital seine Rechtsaufsicht über die ctt wahrnehmen und nicht weiter mit reinem Gottvertrauen die Angelegenheit angehe.
Freitag, 03. September 1999
Finanzspritze: Bistum Trier hilft der ctt
Baustopp des Trierer Kinobaus verhindert
TRIER. (mif) Nach dem Rausschmiss von Hans-Joachim Doerfert droht die Caritas-Trägergesellschaft (ctt) in finanzielle Bedrängnis zu geraten. Eine Finanzspritze des Bistums in zweistelliger Millionenhöhe soll helfen.
Am Mittwochabend hatte der Kirchensteuerrat des Bistums einer »Liquiditätshilfe« für die ctt mit ihren fast 9000 Beschäftigten zugestimmt. Wie der Justitiar des Bistums, Peter Schuh, dem TV versicherte, müsse der Betrag aber später auf »Heller und Pfennig« zurückgezahlt werden. Es könne nicht sein, dass die Kirchensteuerzahler für die ctt-Situation haften müssten.
Notwendig wurde die schnelle Hilfe nach TV-Informationen, weil die eng mit der ctt verflochtene Klinik Rose AG beinahe zahlungsunfähig geworden wäre. Für das im Bau befindliche Großkino Cinemaxx sei noch in dieser Woche eine Millionen-Rechnung fällig geworden, hieß es. Ein Baustopp stand offenbar unmittelbar bevor.
Laut Schuh ist durch die Finanzspritze der Bestand von Klinik Rose AG und ctt zumindest bis zum Jahresende gesichert. Allerdings ist nach wie vor unklar, wie groß der Schaden ist, den Doerfert angerichtet hat. Gegen den 55-jährigen Manager ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Untreue.
»Ich glaube, dass jetzt ein Aufatmen durch die Häuser der ctt geht«, sagte der neue Vorsitzende Hans Lambert nach der Entscheidung. Durch den Beschluss sei der ordnungsgemäße Geschäftsbetrieb in den 42 Häusern der ctt gesichert.
Probleme habe es allerdings bei den Gehaltszahlungen gegeben, räumte ctt-Finanzchef Lothar Josten ein. Aus technischen Gründen sei noch nicht allen Mitarbeitern das gekürzte Urlaubsgeld nachgezahlt worden. Dies werde nachgeholt.
Unterdessen wurde bekannt, dass der in der vergangenen Woche ebenfalls gefeuerte Vorstandskollege von Doerfert, Bernhard Veit, nach wie vor bei der ctt beschäftigt ist. Lambert bestätigte auf TV-Anfrage, Veit müsse der Unternehmensberatungsgesellschaft KPMG bei der Arbeit helfen. Das Unternehmen versucht zur Zeit, das komplizierte Finanzgeflecht zu entwirren. Keine Erklärung hatte Lambert allerdings dafür, dass Veit auch noch im Namen der ctt Briefe schreibt. Dies müsse geklärt werden, sagte er.
Dienstag, 31. August 1999
Nach Rausschmiss mehr Geld
ctt nimmt Gehaltskürzungen zurück - Mitarbeiter sind sauer auf Doerfert
TRIER. (mif) Für die Mitarbeiter der Caritas-Trägergesellschaft Trier (ctt) hat der Rausschmissdes Vorstands Hans-Joachim Doerfert positive Auswirkungen: Die Gehälter werden jetzt doch nichtgekürzt, wie ursprünglich geplant. Im Juli einbehaltene Urlaubsgeldzahlungen wurden mit dem August-Gehalt nachgezahlt.
Ende Juni hatte Doerfert im Einvernehmen mit der Gesamtmitarbeitervertretung (GMAV) ein »Modellprojekt« vereinbart, um in 23 Kliniken und Pflegeheimen die Gehälter bis zum Jahre 2004 einzufrieren und das Urlaubsgeld um 500 Mark zu kürzen.
»Diese Vorhaben ist vom Tisch. Wir haben angesichts der neuen Umstände den Antrag bei der Arbeitsrechtlichen Kommission des Caritasverbands zurückgenommen«, sagte Personalchef Lothar Josten zum TV. Für den Vorsitzenden der GMAV, Jürgen Müller, der sich noch im Juli für die Kürzungen stark gemacht hatte, ist der Schritt ein wichtiges Signal an die Mitarbeiter. Auch er fühle sich durch Doerfert getäuscht und hintergangenen. So seien ihm zwar wirtschaftlichen Daten der ctt, nie jedoch Daten der Tochtergesellschaft ÄAT vorgelegt worden. »Wenn die Beschäftigten nun wütend sind, kann ich das gut verstehen.«
Montag, 30. August 1999
Was bleibt, ist meist nur verbrannte Erde
Die ctt ist kein Einzelfall: Warum auch bei anderen gemeinnützigen Unternehmen die Aufsicht oft versagt
Von unserem Redakteur DIETER LINTZ
TRIER. In den letzten Tagen hat sich die
»Schlachtordnung« im Fall Doerfert/ctt nachhaltig
verändert. In den Mittelpunkt aller Diskussionen ist die Frage
gerückt, wie es dazu kommen konnte, dass jemand über Jahre
unkontrolliert ein eigenes Imperium erschaffte.
Wie war es möglich, dass die Verantwortlichen alle Stoppschilder
und Warn-Ampeln überfuhren, die es doch reichlich am Wegrand
gab?
Wenn aus der schmerzhaften Affäre Lehren für die Zukunft gezogen werden sollen, dann müssen diese Fragen - trotz aller Emotionalität des Themas - rational beantwortet werden. Denn der Fall Doerfert/ctt ist kein singuläres Ereignis, sondern geradezu symptomatisch für die Probleme bei der Verquickung gemeinnütziger Interessen mit privatwirtschaftlichem Unternehmertum. Neue Heimat und COOP, AWO und Rotes Kreuz: Immer wieder ließen Affären und Skandale jene Grauzone deutlich werden, die entsteht, wenn für gute Zwecke auf dem knallharten Markt Geld verdient werden soll.
Dabei ist der Mechanismus überall fast identisch. Kirchen, Gewerkschaften, Wohlfahrtsverbände haben Sorgen mit ihren gemeinwirtschaftlichen Unternehmen.
Eines Tages kommt ein Manager, oft selbst aus kleinen Verhältnissen stammend und innerhalb der Branche »hochgearbeitet«, und zeigt den ahnungslosen Funktionären, dass man mit ihren maroden Betrieben auch Geld verdienen kann. Zum bassen Erstaunen der ökonomischen Laien fließt plötzlich Milch und Honig, wo vorher Zuschussbedarf herrschte. Man ist froh, dass man sich mit den Details nicht weiter beschäftigen muss, ein Vertrauensverhältnis entsteht.
»Vertrag mit Doerfert ist Vertrag mit dem Papst«
Dank des guten Rufes der Organisation hat der Manager unbegrenzte Kreditwürdigkeit. »Ein Vertrag mit Doerfert ist so gut wie ein Vertrag mit dem Papst«, so brachte es ein Trierer Unternehmer einst auf den Punkt.
Das Imperium wächst und gedeiht, zunächst zur Freude aller. Dass der Manager dabei auch eine Menge Drecksarbeit übernimmt, die sich die gemeinnützige Organisation im Umgang mit Mitarbeitern oder Partnern niemals leisten könnte, festigt den inneren Zusammenhalt noch. Aber diese Arbeitsteilung zwingt die für die Aufsicht Verantwortlichen auch dazu, möglichst nicht all zu genau hinzusehen.
»Ihr wolltet es doch so«, hielt Neue-Heimat-Chef Albert Vietor nach seinem Sturz den Gewerkschaftsbossen vor. Parallel zu imagefördernden Maßnahmen nach außen (Ehrenamtliche Funktionen und Sponsoren-Tätigkeit sind Pflicht) werden die Reihen nach innen fest geschlossen. COOP-Chef Bernd Otto konnte sich seine führenden Mitarbeiter nach Gutdünken aussuchen, zum Zug kamen natürlich keine kritischen Köpfe, sondern Leute, die »auf Linie« lagen.
Wer nicht auf Linie liegt, muss mit einem Klima von Druck und Angst leben. Nicht zufälligerweise geisterten in der ctt Geschichten von auf dem Parkplatz entlassenen Chefärzten oder wegen ihrer verwandtschaftlichen Beziehung zu Konkurrenz-Betrieben gemobbten Mitarbeitern durch die Flure. Dazu kommt, dass systematisch die bei einem gemeinnützigen Unternehmen stark ausgeprägte Identifikation und Loyalität des Personals ausgenutzt wird. So entsteht eine Spirale des Schweigens.
Und wenn dann doch ein mutiger Innen- oder Außenstehender sich traut, die Verantwortlichen zu warnen, greift ein fataler psychologischer Mechanismus: Man schließt sich noch enger zusammen und verdrängt alle Hinweise als »Kampagne« neidischer oder anderweitig interessierter Zeitgenossen.
Irgendwann ist dann der Zeitpunkt verpasst, zu dem man die Katastrophe noch hätte verhindern können. »Ich konnte und wollte bis zur letzten Sekunde einfach nicht glauben, dass er so etwas gemacht haben sollte«, beschrieb der ehemalige DGB-Chef Heinz-Oskar Vetter sein Verhältnis zu Vietor.
Wenn die Bombe dann geplatzt ist, wird erst einmal dementiert, dann das uneingeschränkte Vertrauen ausgesprochen, letzteres dann Stück für Stück zurückgenommen, bis zum völligen Zusammenbruch.
Die Bilder und Aussagen gleichen sich haargenau: Wenn dann der zuvor Allmächtige gestürzt ist, distanzieren sich selbst seine treuesten Weggefährten - wer will schon Gefahr laufen, mit zu kippen. Die Bilder und Aussagen gleichen sich dabei in allen Fällen bis zur Kuriosität.
Egal, ob kriminell gehandelt wurde, oder nur schäbig: Was bleibt, ist verbrannte Erde.
Denn was »normale« Unternehmen unter »peanuts« verbuchen und mit einer größeren Image-Kampagne wieder einrenken, führt bei Kirchen, Gewerkschaften oder Wohlfahrtsverbänden zu einem verheerenden Vertrauensverlust nach außen und zu Motivationsproblemen nach innen. Gar nicht zu reden von den persönlichen Beschädigungen bei den Betroffenen.
DGB-Chef Vetter etwa hat den Neue-Heimat-Skandal menschlich nie verwunden.
Samstag, 28. August 1999
Bischof: Ich muss die Suppe nun auslöffeln
Kirche wirft Doerfert Betrug vor
TRIER. (mif) Tief enttäuscht zeigte sich der Trierer Bischof Hermann Josef Spital darüber, in welchem Ausmaß der von ihm gefeuerte Chef der Caritas-Trägergesellschaft (ctt), Doerfert, sein Vertrauen missbraucht hat. »Es ist mir nicht leicht gefallen, mein Urteil über diesen Mann, dem ich so viel anvertraut habe, so tiefgreifend revidieren zu müssen«, sagte er.
Unterdessen hat sich der Untreue-Vorwurf gegen den 55-jährigen Manager zu einem handfesten Wirtschaftsskandal ausgeweitet. Auch fast zwei Wochen nachdem die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufgenommen hat, wissen die Verantwortlichen des Bistums Trier noch nicht, wie groß der von Doerfert angerichtete Schaden ist. Dabei wird immer klarer, dass der Ex-ctt-Chef schalten und walten konnte, wie er wollte.
Wie der Justitiar des Bistums, Peter Schuh, berichtete, soll Doerfert über Bürgschaften der ctt riskante Millionen-Geschäfte abgewickelt haben. Neben einer Bürgschaft für den Neubau des Parkhotels in Weiskirchen über 13,5 Millionen Mark gebe es weitere dubiose Verpflichtungen. Es zeige sich immer deutlicher, dass die ctt-Tochter Ärztliche Abrechnung Trier (ÄAT) die Drehscheibe für die Transaktionen gewesen sei, sagte Schuh. Der Jurist warf Doerfert Betrügereien und Bilanzmanipulation vor. Auch gegen den ÄAT-Chef Ulrich Ziegelmayer ermittelt die Staatsanwaltschaft. Mittlerweile wurde er als Geschäftsführer abberufen. Der Bischof räumte ein, dass die Machenschaften möglicherweise durch eine bessere Kontrolle hätten verhindert werden können. Allerdings habe er seine gesetzliche Kontrollfunktion nicht selber wahrnehmen können.
Deshalb hätten sich die drei Mitglieder des geschäftsführenden ctt-Vorstandes gegenseitig überprüfen müssen. Er habe nicht damit rechnen können, dass Doerfert von seinen Kollegen gedeckt werde. Einen Rücktritt lehnte Spital entschieden ab: »Ich werde die Suppe, die ich mir eingebrockt habe,nun auch auslöffeln.«
Gestern abend wurde bekannt, dass die Klinik Rose AG Strafanzeige gegen Doerfert erstattet hat. Zudem wolle das Unternehmen 1,4 Millionen Mark von dem Manager zurück haben, die er ohne Genehmigung an die Eintracht Trier gezahlt habe.
Sogar der totale Zusammenbruch droht
Im Fall Doefert bleiben viele Fragen offen - Ratlose Finanzexperten des Bistums auf Spurensuche
Von unserem Redakteur
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
TRIER. Medienrummel ist der Medienbischof der Deutschen Bischofskonferenz gewohnt. Doch als Hermann Josef Spital am Freitag morgen den Gang zur »schwersten Pressekonferenz seiner 20-jährigen Amtszeit« antritt, ist ihm die Anspannung deutlich anzumerken.
Tagelang hat Spital gewartet, bis er sich endlich entschließt, vor die Fernseh-Kameras zu treten und Antworten auf die Fragen der Journalisten in der seit Tagen schwelenden Doerfert-Affäre zu geben. Müde wirkt er und gereizt, wenn die Medienvertreter mit seinen Antworten nicht sofor zufrieden sind.
Nachzufragen haben die Journalisten allerhand. So zum Beispiel nach dem vom Bischof am Donnerstag fristlos gekündigten Dienstvertrag mit Doerfert. »Wir haben einen solchen Vertrag in den Unterlagen nicht gefunden,« gesteht der Finanzchef des Bistums, Dirk Wummel. Niemand weiß, wer einen solchen Vertrag gegengezeichnet hat. Immerhin erinnert sich der Bischof, dass bei der Einstellung Doerferts 1987 einmal über ein Jahresgehalt gesprochen worden ist. Der Manager hab damals versprochen, den Bischof zu informieren, wenn er etwas nebenbei verdiene. Auf diese Nachricht wartet der Oberhirte noch bis heute.
Spital erinnert sich auch, seine Zustimmung zur Gründung der Klinik Rose AG »aus dem bewährten Team der ctt« gegeben zu haben. »Dies ist eine Aktiengesellschaft wie andere auch und soll dazu dienen, Anlagekapital für Krankenhäuser zu bilden«, erläutert der Bischof. Und räumt ein, dass dies für Außenstehende »wenig durchsichtig gewesen sei«.
Außenstehende sind offenbar auch seine eigenen Finanzfachleute, die sich seit Tagen um eine Entwirrung der geschäftlichen Verflechtungen bemühen. Ungeklärt ist immer noch, wem das rund drei Millionen teure Klinik-Rose-Aktienpaket Doerferts gehört. Wummel: »Wir haben noch keinen Treuhandvertrag gefunden und wissen nicht, ob die Aktien von Doerfert treuhänderisch für die Ärztliche Abrechnung Trier oder die ctt gehalten worden sind.« Keine Anwort gibt es auf die Frage, ob Doerfert das Kapital dem Unternehmen entnommen oder aus der eigenen Tasche aufgebracht hat.
Immerhin hatte sich der Ex-ctt-Chef in dieser Woche bereit erklärt, die Aktien offiziell der ÄAT zu übertragen. Damit ist die Klinik Rose nun zu 86 Prozent in Besitz der ctt-Tochter ÄAT.
Das ist allerdings noch ein vergleichsweise geringes Problem. Völlig unklar ist, wie das Finanzamt auf die nun zu Tage tretende enge Verbindung zwischen der gemeinnützigen und steuerbegünstigten Caritas-Einrichtung ctt und der Klinik Rose reagieren wird. »Die Gemeinnützigkeit wird noch ein schwieriges Kapital«, fürchtet jedenfalls der Bistums-Justitiar Peter Schuh.
Viel gravierender könnten sich die Bürgschaften und Patronatserklärungen auswirken, die Doerfert zu Lasten der ctt abgegeben hat und die teilweise nicht in den Büchern erfasst sind. So haftet die ctt gegenüber de Westdeutschen Genossenschaftsbank mit 50 Millionen Mark für das Herzzentrum der Klinik Rose in Cottbus. Zudem könnten 13,5 Millionen Mark für das Hotel in Weiskirchen von der Bayerischen Vereinsbank verlangt werden, wenn das riskante Unternehmen dort in ein Schieflage gerät. Und mit wie vielen Millionen die ctt bei den Klinik Rose-Objekten Cinemaxx in Trier und Hotel Rose in Wiesbaden haftbar gemacht werden kann, ist noch unklar.
Klar wurde den Finanzexperten allerdings eines: »Wenn ein Teil fällt, bricht das gesamte Unternehmen zusammen«, sagt Schuh. Alles müsse daher getan werden, um die ctt zu retten.
Die Sicherung von 9000 Arbeitsplätzen ist auch das höchste Gebot für den neuen ctt-Vorsitzenden Hans Lambert. Dem Prälaten ist aber klar, das der Image-Schaden nicht so schnell behoben werden kann: »Die Affäre hat der Caritasarbeit in der gesamten Bundesrepublik geschadet.«
Unterdessen hat auch der Katholikenrat im Bistum Trier eine lückenlose Aufklärung der Vorwürfe gegen Doerfert gefordert. Ohne falsche Rücksichtnahme müssten alle notwendigen Konsequenzen aus den Vorkommnissen gezogen werden. Zugleich müsse hervorgehoben werden, dass die ctt unabhängig vom Caritasverband arbeite.
Kommentar von Michael Fröhlingsdorf
Die Mitarbeiter der Caritas können einem wirklich leid tun. Treu und brav verrichten sie ihre Arbeit in Beratungs- und Hilfseinrichtungen, ziehen im Dienst der Nächstenliebe von Haustür zu Haustür. Doch seit zwei Wochen ist allesanders.
Weil der Trierer ctt-Chef Doerfert sich anscheinend Millionen in die eigene Tasche gesteckt hat und bei riskanten Geschäften Unsummen in den Sand gesetzt zu haben scheint, müssen sich die Mitarbeiter nun viele unangenehme Fragen gefallen lassen. Dabei können sie wirklich nichts für die verfahrene Situation.
Den riesigen Imageschaden und die noch nicht abzusehenden wirtschaftlichen Verluste der Caritas-Trägergesellschaft verantworten andere: Zunächst Doerfert und seine Vorstandskollegen Hennekeuser und Veit. Auch wenn die Staatsanwaltschaft noch keine Anklage erhoben hat, werden mittlerweile so viele Vorwürfe erhoben, dass einem fast schwindlig wird: Betrug, Bilanzmanipulation, Geldwäsche und Untreue.
Dies alles war allerdings nur möglich, weil der Bischof und seine Berater im Generalvikariat die Herren in der ctt nach deren Gutdünken schalten und walten ließen. Geradezu Unglaubliches offenbarte da die gestrige Pressekonferenz: Nur Achselzucken gab es auf Fragen der Journalisten nach Doerferts Dienstvertrag. Niemand außer dem Manager selbst weiß anscheinend, wie viel dieser überhaupt kassiert hat. Auch die Frage, ob der Jurist von seinem eigenen Unternehmen zusätzliche Beraterhonorare eingestrichen hat, blieb unbeantwortet.
Immer wieder betonte der Bischof, wie sehr er enttäuscht sei vom Vertrauensbruch seines Topmanagers. In der Region Trier, wo die Affäre Doerfert seit Tagen fast überall Gesprächsthema Nummer eins ist, verwundern die Vorgänge indes kaum noch. Schon 1992 sorgte Doerfert mit dubiosen Geldtransporten in einer Plastiktüte nach Luxemburg für Schlagzeilen. Ihm ging immer schon der Ruf eines knallharten Geschäftsmanns und eigenwilligen Alleinherrschers im ctt-Imperium und später bei Eintracht Trier voraus.
Vor diesem Hintergrund ist es nur schwerlich nachzuvollziehen, dass der Bischof von all diesen Machenschaften seines Skatbruders Doerfert nichts gewusst haben will: An Warnungen aus der Politik und der Kirche hat es jedenfalls nie gemangelt.
Hieß es anfangs noch, alles sei eine Kampagne der Medien gegen den umtriebigen »Macher«, kann inzwischen davon keine Rede mehr sein. Die Fakten sprechen eine eindeutige Sprache. Allerdings wäre Doerfert ohne die ihre Wächterfunktion wahrenden Medien vermutlich heute noch in Amt und Würden. Für die Caritas in Weiskirchen haben sich in den vergangenen Monaten Haussammlungen schon nicht mehr gelohnt. Schließlich ist kaum jemand bereit, angesichts eines mit Caritas-Mitteln gebauten Nobelhotels zu spenden. Ob auch dies der Bischof nicht bemerkt hat?
Freitag, 27. August 1999
Fall Doerfert: Bischof in Erklärungsnot
Dokumente belegen Skandal
TRIER. (mif) Heute will der Trierer Bischof Hermann Josef Spital endlich sein Schweigen im Fall Doerfert brechen. In der angekündigten Pressekonferenz dürfte er allerdings in schlimme Erklärungsnot geraten. Denn dem TV liegen vertrauliche Dokumente vor, die belegen dass der Wirtschaftsskandal viel grösser ist als bislang zugegeben.
Was hat der Bischof davon gewußt?
Der Oberhirte hat die Rechtsaufsicht über die Caritas Trägergesellschaft Trier (ctt) und mußte daher regelmäßig die Bücher prüfen. Doch die geschäftsführenden Vorstände Hans-Joachim Doerfert und Bernhard Veit konnten sich offenbar unbehelligt Millionen-Bürgschaften für ihre Privat-Geschäfte geben.So beim Bau des Parkhotels in Weiskirchen: Dort wurde 1996 für über 20 Millionen Mark ein Nobelhotel gebaut. Bauherr war die Firma MRD Medical Research and Development Patent GmbH & Co KG.. Beteiligt an dem Unternehmen waren unter anderem Doerfert, Veit und Ulrich Ziegelmayer, Chef der der ctt-Tochter, Ärztliche Abrechnung Trier (ÄAT). Am 5. Februar 1996 verschwanden die Caritas-Spitzenmanager aus dem Akten des Handelsregisters. Sie übertrugen die Komanditanteile treuhänderisch an Doerferts Steuerberater Franz Hermann.
Der Namen dieses Mannes, der zugleich als Wirtschaftsprüfer im Umfeld der ctt auftrat, stand nun im Handelsregister. In Wirklichkeit hatten aber die Manager im Hintergrund das Sagen. Anschließend schrieben Veit und Doerfert sich selber eine Bürgschaft über 13,5 Millionen Mark zu Lasten der ctt. Eine Summe, die eine kirchliche Einrichtung normalerweise nur mit Zustimmung des Vatikans verbürgen darf.
Die Bayerische Vereinsbank hatte offenbar nichts gegen den Millionendeal mit der Caritas-Gesellschaft und verzichtete bis 1998 auf die Eintragung von Grundschulden. Ähnlich ist nach TV-Informationen der Fall beim Bau des Großkinos Cinemaxx. Auch dort wurden Millionen-Investitionen mit Bürgschaften der ctt fianziert.
Wie die »Saarbrücker Zeitung« in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, hat Veit inzwischen eine Beichte beim Bischof abgelegt. Doerfert wurde gestern vom Bischof gefeuert.
Der Bischof sei noch nicht sicher, ob er Strafanzeige erstatten solle, schreibt das Blatt.
Trierischer Volksfreund
Donnerstag, 26. August 1999
Von unserem Redakteur
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
TRIER. Eine schwierige Aufgabe hat die neue Führungsspitze der Trierer Caritas-Trägergesellschaft (ctt), nachdem die alte Leitung am Dienstag im Zuge der Doerfert-Affäre überraschend ihre Posten geräumt hat.
Gestern versuchte sie, sich einen ungefähren Überblick über die finanzielle Situation der Organisation mit knapp 9000 Mitarbeitern zu verschaffen. Anschließend wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Journalistenfragen waren nicht erwünscht.
Dem Vernehmen nach soll die ctt aber für mehrere risikoreiche Geschäfte der Klinik Rose AG gebürgt haben. Zudem gibt es komplizierte Unternehmensverflechtungen mit der AG und Tochtergesellschaften, so dass auf die ctt Millionen-Forderungen zukommen könnten.
Unterdessen mehren sich kritische Stimmen innerhalb der Caritas. Wegen der Schmiergeld-Affäre um den Ex-ctt-Chef Hans Joachim Doerfert sehen sich viele Mitarbeiter von Sozialeinrichtungen und Beratungsstellen seit Tagen kritischen Fragen ausgesetzt. Immer wieder wird gefragt, wie das Geschäftsgebaren der ctt-Führung mit dem Selbstverständnis der Caritas in Einklang zu bringen sei.
»Eine fatale Entwicklung, die vermeidbar gewesen wäre«, sagte der Geschäftsführer des Caritas-Regionalverbandes Saar-Hochwald, Walter Schumacher, zum TV. Schon vor Jahren habe er sich dafür ausgesprochen, dass die ctt durch Namensänderung einer Verwechslung vorbeuge. Schließlich sei die Einrichtung rechtlich völlig unabhängig von der Caritas.
Eine Meinung, die damals kein Gehör fand. Im Gegenteil: Prälat Roland Ries war bis 1995 in Personalunion Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes und der ctt. Er gilt als einer der Hauptbefürworter, die Klinikgesellschaft als kirchlichen Verein in die Caritas einzugliedern. Angesichts der aktuellen Entwicklung setzt Diözesan-Geschäftsführerin Birgit Kugel heute auf klare Abgrenzung: Sämtliche Spenden kämen ausnahmslos sozialen Aufgaben zugute. Kugel: »Die ctt hat davon niemals einen Pfennig erhalten.«
Selbst der Landtag wird sich mit der Doerfert-Affäre befassen: Die SPD ließ das Thema für Donnerstag auf die Tagesordnung einer aktuellen Stunde setzen.
Donnerstag, 26. August 1999
Bischof Spital in Doerfert-Affäre von Köln gesteuert?
Von unserem Redakteur
MICHAEL FRÖHLINGSDORF
TRIER. War es das Eingeständnis des eigenen Versagens oder der Versuch der letzten Ehrenrettung? Der überraschende Rücktritt der Führung der Trierer Caritas-Trägergesellschaft (ctt) gibt reichlich Anlass zu Spekulationen.
Nachdem in der vergangenen Woche die schweren Vorwürfe gegen den ctt-Chef Hans-Joachim Doerfert bekannt geworden waren, hatte der ctt-Vorsitzende Hans-Heinrich Hennekeuser jedenfalls noch fleißig Durchhalteparolen ausgegeben: »Der Vorstand geht davon aus, dass die gegen Herren Doerfert erhobenen Vorwürfe einer ernsthaften juristischen Prüfung nicht standhalten.« Und weil der Vorstand in einer Art Nibelungen-Treue zu seinem inzwischen beurlaubten Chef stand, sah auch der Trierer Bischof »keinen Anlass, das Vertrauen, das ich dem Gesamtvorstand und Herrn Doerfert seit Gründung der ctt entgegengebracht habe, einzuschränken.«
Was hatte sich am Dienstagmorgen bei einer Sitzung im Trierer Herz-Jesu-Krankenhaus ereignet, dass nun die beiden für die Kontrolle Doerferts zuständigen Spitzenmanager - neben Hennekeuser der Geschäftsführende Vorstand Bernhard Veit - ihre Posten zur Verfügung stellten? »Über neue Erkenntnisse im Zusammenhang mit den Vorwürfen gegen Doerfert ist mir wenig bekannt«, behauptet der gestern berufene Hennekeuser-Nachfolger Lambert. Der Vorstand habe es für notwendig erachtet, den Weg für einen Neuanfang frei zu machen, sagt der Mann, der selbst erst vor sieben Tagen mit seinen Vorstandskollegen Doerfert das volle Vertrauen ausgesprochen hatte. Angeblich soll es Streit gegeben haben, weil der Bischof mit der angekündigten Wirtschaftsprüfung nicht die C&L Treuarbeit beauftragt hat, der ein besonders inniges Verhältnis zu Doerfert nachgesagt wird. Den Auftrag erhielt die KPMG, die nac eigenen Angaben 92 000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt.
Vieles deutet allerdings darauf hin, dass Spital lange schon nicht mehr so walten und schalten kann, wie er möchte. Schon vor zwei Jahren war er angeblich wegen Doerfert zum Rapport im Vatikan. Jetzt sollen die Strippen bei der Aufklärung des Skandals in Köln gezogen werden.
Das Erzbistum ist finanztechnisch für Trier zuständig. Sicher ist, dass die nun entbundenen Spitzenmanager bei der Aufklärung der Vorwürfe keine Hilfe leisten müssen. Und auch dies könnte ein wichtiger Grund sein. Immerhin halten sich hartnäckig Gerüchte, die Klinik Rose habe beim Verkauf der Villa Hennekeusers ihre Finger mit im Spiel gehabt.